Warten auf die Versehrtenrente

Behörde braucht bis zu zwei Jahre, um Anträge von US-Veteranen zu bearbeiten

Von Marcus Pindur

Ein US-Veteran mit Beinprothesen. 97 Prozent der Anträge auf Versehrtenrente werden in Papierform abgewickelt. (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)
Ein US-Veteran mit Beinprothesen. 97 Prozent der Anträge auf Versehrtenrente werden in Papierform abgewickelt. (picture alliance / dpa / Erik S. Lesser)

2,4 Millionen US-Soldaten haben im Irak und in Afghanistan gedient. Mehrere Zehntausend kehrten verwundet zurück. Sie haben Anspruch auf medizinische Behandlung und eine Rente. Doch die Behörden kommen mit der Bearbeitung der Anträge nicht nach. Viele warten mehr als zwei Jahre auf ihr Geld. Bei einigen kommt die Hilfe gar nicht an.

Es gehört zu den Ritualen der amerikanischen Politik, den Bürgern in Uniform Respekt zu zollen.

"Wir werden das Vertrauen unserer Veteranen nicht enttäuschen. Wir werden in weltklasse medizinische und psychologische Hilfe investieren für unsere verwundeten Soldaten. Und für ihre Familien. Denn sie haben diese Unterstützung verdient."

So Präsident Obama in seiner State of the Union Rede. Doch die Realität sieht für viele anders aus. Derzeit liegen fast eine Million unbearbeiteter Anträge auf Kriegsversehrtenrente bei der zuständigen Behörde, der Veterans Administration. Im Durchschnitt braucht die Bearbeitung eines Antrages 273 Tage, viele warten aber weit länger, bis zu zwei Jahren.

Der Journalist Aaron Glantz hat ein Buch über die Situation rückkehrender Soldaten geschrieben, und was er vorfand, ist beunruhigend. Glantz berichtet z.B. über den Fall eines Veteranen aus dem Bundesstaat Indiana. Er kam aus dem Irak zurück mit posttraumatischem Stress Syndrom und physischen Verletzungen, die er bei einem schweren Autounfall erlitten hatte.

"Während er auf seine Versehrtenrente wartete, wurde ihm dreimal der Strom abgestellt. Er bekam Mahnungen von den Wasserwerken und anderen Einrichtungen. Und wir haben herausgefunden, dass aktuell heimkehrende Veteranen in Indiana im Schnitt über 600 Tage auf die Anerkennung ihrer Versehrtenansprüche warten müssen. Damit wird ihr Lebensunterhalt auf dramatische Weise gefährdet."

Das sei umso schlimmer, als gerade die Kriegsversehrten unter den Veteranen oft nicht oder nur beschränkt arbeitsfähig seien und damit sehr schnell Gefahr laufen würden, obdachlos zu werden. Und dann fielen sie erst recht durch die Maschen der Bürokratie. Aaron Glantz über den Fall eines Soldaten in Florida:

"Nachdem er obdachlos wurde, weil er seine Versehrtenrente nicht bekam, schickte die Veteranenbehörde ihm Briefe. Er sollte an einem bestimmten Termin zu einer weiteren medizinischen Untersuchung kommen. Die Briefe bekam er nicht, weil er obdachlos war. Daraufhin hat ihm die Veteranenbehörde die Versehrtenrente verweigert, weil er nicht zu dem Untersuchungstermin erschienen war. Solche Fälle hat es auch schon unter Präsident Bush gegeben, aber es passiert sehr viel öfter unter Präsident Obama."

Dies, obwohl die Veterans Administration unter Präsident Obama über 500 Mio. Dollar für ein neues Computersystem bekommen hat. Trotzdem werden noch 97 Prozent der Anträge per Papierformular abgewickelt. In North Carolina musste ein Gebäude der Behörde geschlossen werden, weil seine statische Stabilität aufgrund der großen Papiermengen nicht mehr gewährleistet werden konnte.

An der Spitze der Veteranenbehörde sitzt ein Veteran, der ehemalige Vorsitzende des US-Generalstabs, Eric Shinseki. Die Umstellung auf digitalisierte Verarbeitung sei schwierig, so Shinseki. Außerdem habe die Obama-Administration die Zahl der Leistungsberechtigten deutlich erhöht.

"Wir haben 2010 den Agent-Orange-Geschädigten und den Betroffenen des Golfkriegssyndroms erstmals Rentenansprüche zugebilligt. Außerdem haben wir erstmals das posttraumatische Stresssyndrom als rentenrelevantes Krankheitsbild anerkannt."

Die Zahl der Anträge ist in der Tat um die Hälfte gestiegen. Die Zahl der Antragsteller, die länger als ein Jahr auf einen Bescheid warten müssen, hat sich jedoch vervielfacht. Gleichzeitig hat man erst die Hälfte der Psychologenstellen besetzt, die der Kongress bewilligt hat. Es bleiben also viele Fragen an die Veteranenbehörde und die Obama-Administration offen. Eines ist klar: Die Bürokratie sorgt für sich selbst am Besten. Die Zahl der Verwaltungsangestellten bei der Veteranenbehörde liegt bei über 100 Prozent des Plansolls.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:08 Uhr