Wende im Ländle

Die EnBW ohne Atom und mit grünen Chefs

Von Mathias Zurawski

Die grün-rote Landesregierung verspricht, Rahmenbedingungen zu schaffen für die grüne Zukunft der EnBW. (AP)
Die grün-rote Landesregierung verspricht, Rahmenbedingungen zu schaffen für die grüne Zukunft der EnBW. (AP)

Es war Mitte März. Nach der Katastrophe von Fukushima war nichts mehr wie vorher bei der Energie Baden-Württemberg. Am Tag des deutschen Atommoratoriums trat der Vorstandsvorsitzende Hans-Peter Villis an die Mikrofone. Das Unmögliche war möglich geworden:

"Eine Kombination zwischen einem Erdbeben und einem Tsunami ist natürlich niemals voraussehbar und wir werden natürlich dann auch die technischen Konsequenzen daraus ziehen."

Zwei von vier Kernreaktoren der EnBW sind seitdem abgeschaltet. Der bisherige Atombefürworter Villis versucht eine beispiellose Wende. Das Unternehmen setzt auf regenerative Energie, investiert, wo es geht in Wasser- und in Windkraft. Vorläufiger Höhepunkt war die Einweihung des ersten Offshore Windparks der EnBW "Baltic I" in der Ostsee:

Villis: "Ein Meilenstein, weil EnBW-Baltic I auch symbolhaft dafür steht, dass Deutschland am Anfang einer nachhaltigen Energiewende hin zu mehr erneuerbare Energien steht."

Das ist kein freiwilliger Kurs. Seit Dezember hält das Land Baden-Württemberg 46 Prozent der EnBW-Anteile. Das ist ein schweres Erbe für die neue grün-rote Landesregierung. Seit März ist sie an der Macht und versucht jetzt, das Beste aus dem EnBW-Deal der abgewählten CDU zu machen. Der neue grüne Umweltminister und oberste Atomaufseher im Land, Franz Untersteller verspricht, Rahmenbedingungen zu schaffen. Für die grüne Zukunft der EnBW:

"Alles, was ich hier in Baden-Württemberg an Erneuerbaren aufbaue, muss ich schon nicht mehr über neue Leitungsinfrastruktur von irgendwelchen Nord- und Ostseewindparks nach Baden-Württemberg bringen und aus dem Grund kann ich auch die Unternehmensleitung nur ermuntern, Projekte in Baden-Württemberg zu prüfen."

Ein Miteinander, kein Gegeneinander kündigt der Minister an. Und tatsächlich feilen Vorstand, Aufsichtsrat und Politik gemeinsam an der neuen Strategie. Der Umstieg der Energie Baden-Württemberg geht nur langfristig. Bis zu 15 Jahre wolle man die EnBW-Anteile halten, heißt es mittlerweile, um die Fünf-Milliarden-Investition einigermaßen unbeschadet zu überstehen.

Aber nach dem politisch verordneten Atomausstieg stürzen die Geschäftszahlen in den Keller – in der Halbjahresbilanz schreibt der Konzern einen Verlust von 590 Millionen Euro - nach Milliardengewinnen in den Vorjahren. Der Rückbau der Reaktoren und die Abschreibung von Brennelementen reißen ein tiefes Loch. Das bis 2013 vorgegebene Einsparziel von 300 Millionen Euro wird als Sofortmaßnahme auf 600 Millionen verdoppelt, Beteiligungen werden verkauft und Stellen gestrichen.

"Eine dramatische Entwicklung", bestätigt EnBW-Personal-Vorstand Bernhard Beck:
"Die Zahlen der EnBW im Halbjahresabschluss sprechen eine deutliche Sprache und deshalb wäre es verantwortungslos, nicht zu handeln. Erfahrungsgemäß sind bei einem solchen Programm Personalmaßnahmen mit von der Partie, auch in einer nicht unerheblichen Größenordnung."

Allein 200 Millionen Euro - ein Drittel des Gesamtpakets - sollen mit den Stellenstreichungen gespart werden. Das sind rein rechnerisch über 2000 Arbeitsplätze, zehn Prozent der gesamten Belegschaft. Die Stimmung ist schlecht wie noch nie. Die Begeisterung für den neuen ökologischen Weg fehlt bei den meisten Mitarbeitern. Bodo Moray, Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat:

"Die Menschen sind natürlich verunsichert. Innerhalb der Konzernkommunikation gibt es keine Ansagen diesbezüglich, die Belegschaft ist verhalten deprimiert, aber nicht erst seit gestern."

Mit einer russischen Gaskooperation und der Forderung nach einer Kapitalerhöhung versucht die EnBW den Befreiungsschlag. Eine Kapitalerhöhung würde bedeuten, dass auch das Land als Anteilseigner noch mehr Geld zuschießen müsste. "Kommt nicht infrage, der Bürger ist genug belastet", sagt SPD-Finanzminister und Aufsichtsratsmitglied Nils Schmid und übt indirekt Kritik am Vorstandsvorsitzenden und dessen bisheriger Strategie. Hans-Peter Villis muss jetzt versuchen, mit noch weniger Geld die Energiewende zu schaffen. Sein Vertrag läuft in einem Jahr aus – ob überhaupt verlängert wird? Oder ob die Politik schon nach einem neuen Chef für die EnBW sucht? Der Finanzminister spricht lieber nicht darüber:

"Das werden wir zu gegebener Zeit klären."

Mehr zur Serie:

Serie Wende wohin? - Die Zukunft des deutschen Energiemarktes

Zu hören wochentäglich vom 15. bis 24. August 2011 im Deutschlandfunk in der Sendung "Wirtschaft & Geselschaft" ab 17:05 Uhr



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr