Wenig Interesse am deutschen Pass

Berlin will Migranten zur Einbürgerung bewegen

Von Dorothea Jung

7.000 Menschen beantragen pro Jahr in Berlin die Einbürgerung (AP)
7.000 Menschen beantragen pro Jahr in Berlin die Einbürgerung (AP)

Jahr für Jahr zieht es mehr Einwanderer nach Berlin. Allerdings stagniert die Zahl derjenigen, die einen deutschen Pass haben wollen. Das will der Senat ändern und startet einen Werbefeldzug. Viele Ausländer haben aber kein Interesse an der Einbürgerung, denn sie fühlen sich nicht willkommen.

"Türken, Polinnen, Iraner, Rumänen, Vietnamesinnen, Kroaten, Kenianer, Serben, Libanesen, Chinesen, Russinnen, Kurden, Italienerinnen – über 180 Nationen – ein Berlin. Deine Stadt. Dein Land. Dein Pass."

Radiospot und Internetauftritt sind nur Teilaspekte einer breit angelegten Werbekampagne, mit der das Land Berlin seine Einwanderer ermutigen will, den deutschen Pass zu beantragen.

"Wir haben in Berlin analysiert und festgestellt, dass es ein Potenzial von Menschen gibt, die die rechtlichen Voraussetzungen erfüllen für eine Einbürgerung, aber diesen Schritt noch nicht gemacht haben."

Berlins Integrationssenatorin Dilek Kolat weiß, dass es für das Land Berlin nicht gut ist, wenn ein Teil seiner der Bevölkerung von demokratischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen ist. Wenn zum Beispiel in Bezirken wie Neukölln fast ein Viertel der erwachsenen Bewohner kein Wahlrecht hat und deswegen an politischen Entscheidungen nicht beteiligt ist.

"Der Berliner Senat findet die Einbürgerung ganz, ganz wichtig, weil das auch Teilhabe ermöglicht und man kann sich auch so in Gesellschaft und Politik viel stärker einbringen. Berlin will die Einbürgerung."

Die Senatorin deutet auf drei Großflächenplakate, die ab heute auf zahlreichen Werbeflächen im gesamten Stadtgebiet zu sehen sein werden. Sie zeigen über dem Claim "Deine Stadt. Dein Land. Dein Pass." Porträts von Einwanderern, die Deutsche geworden sind. Auf einem dieser Plakate lächelt Muna Lekesiz, deren Eltern in den 1970-er Jahren aus der Türkei eingewandert sind. Die Logopädiestudentin ist 23 und dezent geschminkt. Sie trägt ein Kopftuch und bekennt auf dem Plakat, Berlinerin und Deutsche zu sein.

"Das Gute an Deutschland ist, man kann hier in Deutschland mitgestalten, man ist aktiv und man hat den Schutz im In- und Ausland. Man hat die Bürgerrechte und man kann wählen."

Muna Lekesiz ist stolz darauf, in einer Kampagne des Berliner Senats als Vorbild für Migrantinnen und Migranten zu fungieren. Genauso wie Chung Noh Groß, die in Südkorea geboren wurde und 1966 als Krankenschwester nach Deutschland kam. Chung Noh heiratete einen Deutschen, wurde Hausfrau und Mutter, Vereinsvorsitzende für die Rechte asiatischer Einwandererfrauen, Buchautorin und Weltbürgerin, wie die 67-Jährige in einer Broschüre erzählt, die zur Einbürgerungskampagne gehört und ab heute in den Berliner Behörden ausliegt.

"Besonders finde ich Demokratie- und Rechtssystem sehr toll geprägt. Und das ist ein soziales Land und für mich das beste Land."

Gemeinsam mit weiteren eingebürgerten Berlinerinnen und Berlinern will sich Chung Noh außerdem auf geplanten Senatsveranstaltungen als Einbürgerungslotsin engagieren. Dort möchte sie dann über die rechtlichen Voraussetzungen für den Erwerb des deutschen Passes informieren und andere Zuwanderer überzeugen, ihre Bedenken vor der deutschen Staatsbürgerschaft aufzugeben. Chung Noh Groß zufolge kann man dabei nur gewinnen.

"Durch diese deutsche Staatsbürgerschaft verliert man nicht seine Identität, weil koreanische Wurzeln, die trage ich im Herzen, die verschwinden nicht."

Vor einem türkischen Café im Lynarstraßenkiez, dem sozialen Brennpunktquartier des Berliner Bezirks Spandau: Spandauer Türken ohne Arbeit. Auf die Einbürgerungskampagne angesprochen, reagieren sie skeptisch. Hier, in Spandau einen deutschen Pass bekommen? "Unmöglich", lautet ihr Urteil.

"Wenn ich zum Beispiel deutsch werde, da muss ich Arbeit haben und das haben und das haben. Wie sollen sie machen? Die Leute alles hier Hartz IV- Empfänger. Wie sollen sie das schaffen hier?"

Die Hürden, die vor dem Erlangen der deutschen Staatsbürgerschaft liegen, verschweigt die Kampagne des Berliner Senats. Zum Beispiel, dass man kein Hartz-IV-Empfänger sein darf - und dass außerdem ein Einbürgerungstest bestanden werden muss.

Im türkischen Café sitzen Männer in allen Altersklassen. Es wird geraucht, Tee getrunken und Pisti gespielt, eine Art Rommé. Ali reagiert auf die Frage nach dem deutschen Pass mit Bitterkeit: Er hat den Einbürgerungstest nicht bestanden.

"Wir würden gerne Deutsche werden, aber diese Fragen und so weiter, die Antworten, das ist so blöd, kann ich nicht. Ich bin seit 18 Jahren hier, vier Kinder, meine Familie ist deutsch, meine Kinder sind deutsch und jetzt bleibe ich lieber Türke."

Es ist zu spüren, dass Ali sich in Deutschland nicht willkommen fühlt und seine Landsleute am Cafétisch auch nicht. Die Einbürgerungskampagne des Berliner Senats will Vertrauen schaffen unter Migranten und sie zum Erwerb des deutschen Passes ermutigen. In manchen Fällen dürfte dazu etwas mehr nötig sein als eine breit angelegte Werbekampagne mit Großflächenplakatierung und Radiospots.

Letzte Änderung: 21.10.2013 11:33 Uhr