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Wenig Raum für Familie und Freizeit

Der Arbeitsalltag von Ärzten an kommunalen Krankenhäusern

Von Barbara Schmidt-Mattern

Oft bleibt nicht mal Zeit für das Mittagessen.  (AP)
Oft bleibt nicht mal Zeit für das Mittagessen. (AP)

Bei den Tarifverhandlungen für die rund 55.000 Ärzte an kommunalen Krankenhäusern fordert die Ärztegewerkschaft Marburger Bund fünf Prozent mehr Gehalt und eine bessere Bezahlung der Bereitschaftsdienste. Tägliche Arbeitszeiten von mindestens zwölf Stunden sind für viele Ärzte die Regel.

Marianne Hart hat sich schick gemacht für die Untersuchung im Städtischen Krankenhaus in Köln-Holweide. Die alte Dame liegt in Rock und weißer Bluse auf der Behandlungsbank im Sprechzimmer ihres Arztes Michael Krakau. Konzentriert blickt der Internist auf den Bildschirm links neben der Liege. Dort blinken die Messwerte des Herzschrittmachers, mit dem Marianne Hart seit einem Dreivierteljahr leben muss.

"Wenn die Patienten morgens aufstehen, dann sieht man, dass der Puls ansteigt – alles andere kann man nicht sehen."

Der Oberarzt ist zufrieden mit seiner Patientin, die kleinen, kurzen Schwindelanfälle seien normal.

"Herr Doktor, ich möchte gerne bei Ihnen bleiben."

Gut zehn Minuten dauert die Untersuchung, dann ein herzlicher Abschied, und schon begrüßt Krakau den nächsten Herzpatienten. Ein normaler Arbeitstag dauert für ihn von sieben bis sieben – plus Überstunden. Die Forderungen des Marburger Bundes findet Michael Krakau richtig und angemessen:

"Wir fordern natürlich einerseits mehr Lohn, schlicht als Inflationsausgleich, wie das in Tarifrunden so üblich ist. Wir fordern aber auch wirklich Nachbesserungen, wo es unseren Leuten und uns wirklich weh tut. Es ist eigentlich nicht mehr einzusehen, dass wir nachts, an Wochenenden, an Feiertagen weniger verdienen als am normalen Werktag. Das gibt es eigentlich in keiner Industrie, dass nachts schlechter bezahlt wird als tagsüber, nur bei den Ärzten oder nur in den Krankenhäusern ist das so, muss man fairerweise sagen. Das stammt noch aus einer Zeit, als der Bereitschaftsdienst seinem Namen vielleicht noch Ehre gemacht hat und man auch mal schlafen konnte nachts. Das ist aber seit vielen Jahren nicht mehr so, da wird einfach durchgeklotzt."

Draußen auf dem Flur warten ein gutes Dutzend ältere Frauen und Männer. Die Forderungen der Ärztegewerkschaft finden die meisten Patienten richtig:

"Also ich finde, hier ist Personal genug, nur eben die Bezahlung, das hört man ja oft genug, liest man."

"Also ich finde das schon richtig, dass die mehr Geld haben wollen."

"Ja, es gibt zwei Seiten, da sind die Ärzte, die um ihre Belange kämpfen, und das sind die armen Patienten, die drunter leiden müssen, weil ihre Untersuchungs- und Operationszeiten sich nach hinten rausschieben."

1200 Ärzte haben Anfang der Woche an der Protestkundgebung in Köln teilgenommen – längere Wartezeiten in vielen Krankenhäusern waren die Folge, auch in Köln-Holweide. An diesem Vormittag geht es relativ ruhig zu in der Inneren Medizin, aber für eine Pause hat Michael Krakau dennoch kaum Zeit.

"Bei mir ist das so, dass ich morgens um sieben anfange, dann auf die Intensivstation gehe, anschließend ist Visite. Danach habe ich so eineinhalb Stunden Zeit, um Papierkrieg zu erledigen, E-Mails abzuarbeiten, um zehn Uhr geht meine Schrittmachersprechstunde los. Zwischendurch mittags geht's noch mal auf die Intensivstation, dann haben wir Mittagsbesprechung halb zwei, ab 14 Uhr wieder Sprechstunde, danach 16 Uhr Spätvisite, die Nachmittagsvisite auf der Intensivstation. Das Ganze wird garniert durch Verwaltungsarbeit."

Die Assistenzärzte bewältigen allerdings noch einen ganz anderen Arbeitsalltag, meint der Oberarzt Krakau, denn sie müssen neben der Patientenversorgung, den Bereitschaftsdiensten und den Verwaltungsaufgaben auch noch ihre Weiterbildung organisieren – all das für oft nur 2000 Euro im Monat. Michael Krakau wundert es nicht, dass trotz des grassierenden Ärztemangels in Deutschland viele junge Kollegen ins Ausland abwandern:

"Dieser Ärztemangel kommt nicht von ungefähr, es ist schon so, dass eigentlich ein zu großer Teil der Energie, die man zur Verfügung hat, im Beruf bleibt, und für Familie und Freizeit zu wenig übrig bleibt. Jeder von uns ist Arzt geworden, weil er Patienten helfen will, viele von uns, gerade bei den jüngeren Kollegen, wollen aber auch noch leben."

Nur wenige Schritte entfernt von der Inneren Medizin liegt die Notaufnahme. An karierten Vorhängen und rollbaren Betten vorbei geht es in einen kleinen Aufenthaltsraum, wo Assistenzärztin Ranka Marohl ihre Gulaschsuppe löffelt – meistens, sagt sie, bleibt ihr für eine Mittagspause keine Zeit. Die 38-Jährige ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Mit ihrer Dreiviertelstelle verdient sie nicht besonders viel, doch ihr reiche das Gehalt, sagt die junge Ärztin. Die neuen Lohnforderungen des Marburger Bundes sind ihr persönlich gar nicht so wichtig, sie ärgert etwas ganz anderes:

"Es geht darum, dass durch die Inflation wir in den letzten Jahren eher weniger Geld bekommen, uns sind Weihnachtsgelder gestrichen worden, Urlaubsgelder, wir machen viel mehr Überstunden, das wird in den meisten Kliniken unentgeltlich gemacht. Was mich vor allem aufregt, ist, wenn Menschen, die was ganz anderes studiert haben und den medizinischen Alltag überhaupt nicht kennen, uns dann vorschreiben, wie wir arbeiten, dass wir unorganisiert sind. Das stimmt natürlich nicht. Das ärgert mich mehr, als ich mehr an Geld kriegen würde."

Die Arbeitsbelastung für die Ärzte in kommunalen Krankenhäusern habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen, sagt Ranka Marohl, und das bei ständig steigenden Kosten. Teurere Medikamente und immer mehr und ältere Patienten. Die sogenannte Maximaldiagnostik führe zu immer umfangreicheren Untersuchungen. Doch die Argumente der Ärzte überzeugen Bernhard Langenbrinck vom kommunalen Arbeitgeberverband in Nordrhein-Westfalen nicht:

"Das ist ja das dritte Mal, dass der Marburger Bund jetzt enorme überproportionale Gehaltssteigerungen fordert. Wir hatten allein 2008 eine Forderung, die auf 13 Prozent ging, wo die Gehälter insofern angehoben wurden, und die Forderung jetzt belief sich ja noch mal auf neun Prozent, wobei man auch bedenken muss, dass jetzt die Stimmung anders ist als 2008, weil in der jetzigen wirtschaftlichen Situation kann man nicht noch mal so mit Streiks umgehen, wie das damals der Fall war."

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:35 Uhr