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Weniger Schnee und mehr Wellness

Tourismus im Thüringer Wald in Zeiten des Klimawandels

Von Malte Pieper

Das verschneite Oberhof im Jahr 2004. (OK Biathlon Oberhof)
Das verschneite Oberhof im Jahr 2004. (OK Biathlon Oberhof)

Zu den klaren Verlierern des Klimawandels könnten Wintersportregionen gehören, die schon jetzt vor allem in den Mittelgebirgen nicht mehr so schneesicher sind wie früher. Doch wer will schon auf die Verliererstraße geraten? Der Thüringer Wald ist eine vollständig vom Tourismus abhängige Region. Dort stellt man sich bereits auf den Klimawandel ein.

Gabriele Albrecht hat seit Jahren eine kleine Pension mitten in Oberhof. Zehn Zimmer, 21 Betten. Das Geschäft lief all die Jahre gut - nur im letzten Winter sah es verdammt übel aus. Nicht mal drei Dutzend Tage Schnee gab es zwischen Dezember und Mitte März. Minus-Rekord. Die so dringend benötigten Kurzurlauber blieben zuhause:

"Ich kann mich eigentlich nicht an ein Jahr erinnern, in dem im Winter so wenig Schnee war."

Oberhof ist eigentlich Thüringens bekanntester Wintersportort. Etwa 820 Meter hoch gelegen. Hierher kommen nicht nur Deutschlands beste Biathleten her. Seit Jahrzehnten ist die Region entlang des Rennsteigs ein Muss für Wintersportfans aus Thüringen, Sachsen, Berlin und Brandenburg. Schnell zu erreichen - und bislang verhältnismäßig schneesicher. Doch die Diskussion über einen bevorstehenden Klimawandel ist auch an Oberhof nicht vorbeigegangen. Die kleine Stadt hat deswegen eine Studie in Auftrag gegeben, was sie bis 2025 wohl zu erwarten hat. Bürgermeister Thomas Schulz:

"Man sagt da ganz offen: Freunde, passt auf! Ihr werden 20 Schneetage weniger haben. Das klingt erstmal wenig spektakulär, denn man kann ja sagen: Dann haben wir immer noch 80 - das ist nicht das Problem! Aber die sind ja nicht am Stück. Das heißt Kalt- und Warmwetterperioden werden sich immer häufiger abwechseln. Ich sag es mal hemdsärmelig: Eine Wochen Regen, eine Woche Schnee."

Gut 1.600 Einwohner hat Oberhof gerade einmal - dazu kommen noch die Urlauber. Allein im Winter bis zu 60.000 Übernachtungsgäste, so der Bürgermeister:

"Wir sind zu 100 Prozent vom Tourismus abhängig. Hier gibt es niemanden, der sagen kann: Ich betreibe ein Geschäft und habe mit Tourismus überhaupt nichts am Hut."

Eine Ausgangslage, die nicht nur Oberhof trifft, sondern den gesamten Thüringer Wald und auch die anderen Mittelgebirge in Deutschland. Um genauer herauszubekommen, wie sich der Tourismus in 20-30 Jahren entwickeln könnte, lässt Thüringens Landesregierung gerade ein Konzept erarbeiten. Eines stehe dabei auf jeden Fall fest, sagt die oberste Tourismuswerberin des Freistaats, Bärbel Grönegres: In der öffentlichen Diskussion laufe man häufig falschen Vorstellungen hinterher. Die meisten sähen nämlich nur die winterlichen Biathlon-Weltcups oder die Bobrennen in Oberhof:

"Aber was die Übernachtungen, was die Tourismuszahlen angeht, ist das eigentlich nicht die ganz entscheidende Saison. Man denkt immer, dass der Wintersport die meisten Touristen bringt, aber es ist eigentlich der typische Wanderer, der von Mai bis September beziehungsweise Oktober kommt, der das Geld, die Wirtschaftskraft, die Übernachtungen in die Region bringt."

Deshalb sei es falsch, auf einmal alles über den Haufen zu werfen. Klimadiskussion hin oder her. Mittelgebirgsregionen müssen sich breit aufstellen, ist die Chefin der Thüringer Tourismus GmbH überzeugt. Wellness-Angebote würden zum Beispiel in Zukunft noch viel wichtiger. Und man brauche Alleinstellungsmerkmale, um überleben zu können. Der knapp zwei Kilometer lange Skitunnel etwa, der für zwölf Millionen Euro in Oberhof entstehen soll, sei so etwas. Da könne man schließlich auch bei schlechtem Wetter Ski fahren. Dazu noch ganzjährig in Schuss gehaltene Wanderwege und die Region sei gerüstet für die Zukunft:

"Thüringen hat die günstige Lage in der Mitte Deutschlands, weswegen wir langfristig von den steigenden Energiepreisen auch noch am ehesten profitieren dürften. Das heißt die Menschen werden wert darauf legen, dass die Entfernungen immer kürzer sind, weil das den Preis entsprechend nach oben oder nach unten treibt. Von daher sind Regionen, die eine gute verkehrliche Anbindung haben und schnell und bequem erreichbar sind, im Vorteil."

Außerdem müsse man doch bedenken. Wird es insgesamt wärmer - könnten höher gelegene Orte profitieren. Nach dem Motto: Drückende Schwüle im Sommer im Tiefland - angenehme, frische Luft dagegen in den Bergen. Im mehr als 800 Meter hoch gelegenen Oberhof hält man das aber eher für Zweckoptimismus. Hier hat sich fast jeder Wirt inzwischen so seine Gedanken gemacht. Einer der Vorreiter - das Panorama-Hotel mit seinen mehr als 400 Zimmern. Dessen Direktor Michael Schönrock nimmt bereits richtig Geld in die Hand:

"Wir bereiten uns jetzt schon auf schlechtere Zeiten vor. Wir werden zum Beispiel eine "Kinder-Indoor-Spielewelt" bauen. Und da möchten wir die Kinder, die wir hier im Haus haben, besonders betreuen. Und dafür bietet sich so etwas wiederum an. Wir werden es im Bereich Wellness weiter ausbauen - dass wir also das ganze auch nach innen verlegen können, wenn es draußen mal nicht so schön ist."

Möglichkeiten, die Gabriele Albrecht mit ihrer kleinen Pension nicht so einfach hat. Aber auch sie hat ihr Konzept bereits gefunden - für die Zeit, in der der Schnee möglicherweise seltener wird. Sie will sich noch stärker als bisher auf Familien konzentrieren:

"Hier kommen demnächst die Kaninchen hin. Es gibt einen kleinen Streichelzoo. Dann wird ein großer Platz für Lagerfeuer und so angelegt. Und dann werden eben Programme rausgegeben - und wir hoffen, dass dann wieder mehr Gäste kommen."



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:26 Uhr