Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Widerstandskämpfer, Literat und Europäer

Zum Tod des spanischen Schriftstellers Jorge Semprún

Jorge Semprún (AP Archiv)
Jorge Semprún (AP Archiv)

Résistance, das KZ Buchenwald, Untergrundkampf gegen Franco und Kulturminister. Der spanische Schriftsteller Jorge Semprún spiegelte seine Lebenserfahrungen in Romanen wie "Was für ein schöner Sonntag". Er starb gestern im Alter von 87 in Paris.

Semprún wurde 1923 in Madrid in einer großbürgerlichen linksliberalen Madrider Familie geboren. Nach dem Spanischen Bürgerkrieg flüchtete die Familie 1939 ins französische Exil. Dort kämpfte Semprún als junger Mann in der Résistance gegen die deutsche Besatzung. 1943 erfolgte seine Deportation in das KZ Buchenwald. Er entging dem Tod, weil die illegale Lagerleitung der KPD - Semprún war Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens - ihn in der Abteilung "Arbeitsstatistik" unterbrachte, die den Einsatz der Häftlinge plante. Später engagierte er sich vom Ausland aus für den Widerstand gegen das Franco-Regime. Von 1988 bis 1991 war er spanischer Kulturminister.

All diese Erfahrungen flossen in seine zahlreichen Bücher wie "Zwanzig Jahre und ein Tag" (2005), "Der Tote mit meinem Namen" (2002), "Was für ein schöner Sonntag" (1981) oder "Die große Reise" (1964) ein.

Semprún beschrieb sein Leben einmal so: "Ich sage nicht Spanier, ich sage nicht Franzose, ich sage nicht Schriftsteller, ich sage nicht Politiker. Vielleicht, wenn ich etwas müde und traurig bin: Ich bin vor allem ein ehemaliger Deportierter von Buchenwald."

Gäste der Gedenkveranstaltung: Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzek, der spanische Schriftsteller und Buchenwald-Überlebende Jorge Semprun, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Bundeskanzler Gerhard Schroeder (v.l.) (AP)Gedenkveranstaltung in Weimar und Buchenwald 2005: Semprún zwischen den SPD-Politikern Platzeck, Thierse und Schröder (v.l.) (AP)

Franziska Augstein: Ein "überzeugter Europäer"

Semprún sei "überzeugter Europäer" gewesen, würdigt die Journalistin Franziska Augstein den verstorbenen Schriftsteller im Deutschlandradio Kultur. Persönlichkeiten wie er hätten der Idee von der Europäischen Union "eine Seele gegeben". Man habe "sofort verstanden, was daran wichtig ist". Augstein hatte über Jahre mit Semprún Interviews geführt und in dem Buch "Von Treue und Verrat" 2008 veröffentlicht.

Auf der Leipziger Buchmesse 2005 stellte er seinen Roman "Zwanzig Jahre und ein Tag" im Messestudio von Deutschlandradio vor. Literaturredakteurin Sigried Wesener erinnert sich an Jorge Semprún als einen Mann mit Aura und brillantem Witz. Sie bezeichnet ihn als einen "der größten europäischen Intellektuellen", der neben Französisch und Italienisch auch sehr gut Deutsch sprach. Er habe Goethe, Hegel, Brecht oder Karl Marx im Original gelesen.

Links bei dradio.de:

Ein überzeugter Europäer - Publizist Stéphane Hessel zum Tod von Jorge Semprún

Kampf wider die Diktaturen - Zum Tod des Schriftstellers Jorge Semprún (DLF)

Erinnerungen an die Besuche Jorge Semprúns in Buchenwald <br> Der Gedenkstättenleiter Volkhard Knigge blickt zurück

"Es ist unvergleichlich, wie er jedes Publikum fesseln konnte" - Franziska Augstein über Jorge Semprún

"Komprimat aus mehreren Kulturen" - Verleger Nenad Popovic über Schriftsteller Jorge Semprún

Abrechnung mit totalitärer Willkür - Jorge Semprún: "Was für ein schöner Sonntag!", Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2008. 395 Seiten

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:42 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.