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Wieder in der Heimat

Ein Exil-Armenier kehrt zurück in die Türkei

Von Susanne Güsten

Istanbul mit Brücke über den Bosporus. (AP)
Istanbul mit Brücke über den Bosporus. (AP)

Die Türkei steht angesichts nachlassenden Reformeifers in der Kritik. Unter anderem moniert die EU die Benachteiligung von Armeniern und anderen Christen. Nur eine winzige armenische Minderheit ist bis heute im 70-Millionen-Einwohner-Staat Türkei geblieben, einige wenige kehren in diesen Tagen zurück. Susanne Güsten hat einen armenischen Rückkehrer getroffen.

Istanbul Innenstadt, die Straße der Unabhängigkeit: Trauben von kleinen Straßenjungen hängen hinten an der nostalgischen Bimmelbahn und grinsen die zahlenden Passagiere drinnen frech an. An kurdischen Kulturzentren, griechischen Kirchen und armenischen Schulen rollt das historische Bähnchen vorbei. Nirgends ist Istanbul noch so multikulturell, so bunt und so liberal wie hier an der Istiklal-Straße und in den Gassen ringsherum. Und nirgends fühlen sich alteingesessene Istanbuler so zu Hause wie hier. Rafi Hermon schwelgt regelrecht in seiner Istanbuler Vergangenheit, während er in einem Straßencafé abseits der Istiklal-Straße in seinem Teeglas rührt:

"Väterlicherseits bin ich in siebter Generation Istanbuler, mütterlicherseits in fünfter Generation. Meine Mutter stammt aus dem Gefolge der Sultane. Einer meiner Ururgroßväter, der Panig Efendi, gehörte als einziger Nicht-Moslem zu dem 24-köpfigen Gefolge, das den Sultan jeden Freitag in die Moschee begleitete. Im Haus meiner Familie wurde damals nie gekocht, das Essen wurde aus der Palastküche geliefert. Wir gehörten eben zum Palast."

Die Schulglocke ruft die Schüler auf dem Pausenhof gegenüber zum Unterricht zurück - ein französischsprachiges Gymnasium für türkische Jugendliche, gleich um die Ecke ist ein armenisches Gymnasium. Auch Rafi Hermon hat eines dieser Gymnasien besucht. Als armenischer Jugendlicher ist er mit türkischen und kurdischen Freunden durch diese Gassen flaniert, bis er 1980 kurz vor dem Militärputsch mit seinen Eltern nach Frankreich floh. 20 Jahre lang hat er in Frankreich gelebt, 5 Jahre auch in Armenien, doch immer hat er sich nach diesen Gassen gesehnt - nach den Teegläsern, dem Trubel, dem Völkergemisch: nach Istanbul. Vor zwei Jahren ist er schließlich zurückgekehrt.

"Ich wollte zu meinen Wurzeln zurück, ich wollte in die Türkei und mich hier engagieren. Als Armenier kann ich in diesem Land zwar weder Diplomat noch Landrat oder Gouverneur werden, und trotz meines Doktors in Turkologie habe ich auch keine Chance, als Lehrer für Türkisch, Erdkunde oder Sozialkunde zu arbeiten. Dennoch: Dies ist und bleibt mein Land."

Leicht waren die ersten Tage und Wochen in der alten Heimat nicht, erzählt Rafi Hermon. Seine Anpassungsschwierigkeiten nach 25 Jahren Abwesenheit lassen erahnen, wieviel sich für die Armenier in der Türkei verändert hat im letzten Vierteljahrhundert.

"Als wir aus dem Flugzeug gestiegen sind, da hat meine Frau auf der Flugzeugtreppe mit mir plaudern wollen - sie ist Armenierin aus Dänemark und dachte sich nichts dabei, auf offener Straße Armenisch zu sprechen. Reflexartig habe ich sie zurechtgewiesen. 'Psst, ruhig, sei doch still!' Meine Frau war überrascht: 'Was ist denn bloß, wir reden doch nur', sagte sie. 'Ja, aber wir sind hier in der Türkei, da darf keiner hören, dass wir Armenisch sprechen', habe ich sie angefleht. Erst dann kam ich zu mir und dachte: Sieh mal an, ein Vierteljahrhundert ist vergangen, aber die alten Reflexe sind sofort wieder aufgewacht, ich verhalte mich noch genauso wie vor 25 Jahren."

Und die Stadt hielt noch weitere Überraschungen für Hermon bereit:

"Ich laufe mit meiner Frau durch die Innenstadt und zeige ihr alles: Hier sah es früher so aus, und da war früher das, Mensch, was hat sich alles verändert - da sagt sie plötzlich: Da läuft armenische Musik! Ach was, sage ich, so weit sind wir noch nicht, auch wenn sich hier einiges verändert haben mag, aber mitten in Istanbul lautstark armenische Musik zu spielen, das geht noch lange nicht. Da merke ich plötzlich: Es stimmt! Sie hat Recht! Da läuft armenische Musik! Fast wäre ich von der Trambahn überfahren worden, so überrascht war ich."

Jetzt, zwei Jahre nach seiner Rückkehr, geht Rafi Hermon schon wieder ganz gelassen seine alten Wege. Von seiner Wohnung im Armenierviertel Pangalti, wo er geboren wurde, kommt er täglich hierher in das quirlige Viertel hinter der Istiklal-Straße. Beim türkischen Menschenrechtsverein, der hier seine Büros hat, arbeitet der 50-Jährige mit dem ergrauten Pferdeschwanz und engagiert sich zusammen mit anderen Türken aller ethnischen und religiösen Abstammungen für eine bessere Türkei:

"In Armenien habe ich mich bemüht, das Thema Türkei und Türken zu enttabuisieren. In Frankreich habe ich mich dafür eingesetzt, der armenischen Diaspora ihre Vorurteile gegen die Türken auszutreiben. Und jetzt bin ich in der Türkei und versuche, das Thema Armenier und Armenien zu enttabuisieren. Meine Berufung ist es, Tabus zu bekämpfen."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:28 Uhr

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