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"Wir haben den Liberalismus ins Sächsische übersetzt"

Landtagswahlserie, Teil 5: Die FDP greift nach einer Koalitionsbeteiligung in Sachsen

Von Ernst Rommeney

Liberales Gesamtziel (AP)
Liberales Gesamtziel (AP)

Die FDP in Sachsen liegt im - bundesweiten - Aufwärtstrend. Derzeit sagen die Meinungsforscher 12 Prozent der Stimmen voraus. In den 90er-Jahren noch lag die FDP weit unter der Fünf-Prozent-Marke. Sind die Sachsen liberaler geworden?

Ein Augustvormittag in Freital, an der südwestlichen Stadtgrenze der Landeshauptstadt. Autos fahren über die Dresdner Straße. Sie verbindet vier Orte zu einer Industriestadt, bekannt durch Edelstahl und Porzellan.

"Man sieht uns. Wir zeigen Flagge."

Auf der Höhe des Platzes des Handwerks vor dem Bahnhof Potschappel machen die Freien Demokraten Wahlkampf - mehr für die Autos als mit den wenigen Passanten.

"Die FDP in Sachsen ist keine Klientelpartei. Wir sind keine Milieupartei, sondern wir sind hier eine liberale Volkspartei."

Holger Zastrow wurde 1999 Landesvorsitzender, als die Partei noch einen Stimmenanteil von 1,1 Prozent hatte. Jetzt werden ihr 12 Prozent vorausgesagt. Bereits seit 2004 sitzt sie wieder im Landtag.

"Wir werden in der Platte genauso gewählt wie in der Villa.""

Und wie im Stadtrat von Freital so soll es auch im Landtag von Sachsen kommen. Im Juni verlor die CDU die absolute Mehrheit und braucht nun für die Bürgermeisterwahl die FDP. Aber warum interessiert sich der sächsische Wähler wieder für die Liberalen?

Fragen wir nach in Dresden, in einem verlorenen, schmucklosen Plattenbau inmitten des Universitätsviertels Prohlis.

""Einerseits wünscht die sächsische Bevölkerung zwar eine bürgerliche Regierung, aber keine Alleinherrschaft der CDU."

... beobachtet Werner Patzelt, Parteienforscher und Professor.

"Mir will, nachdem was wir uns aus Umfragen zusammenreimen, scheinen, dass die FDP Protestwähler gegen die CDU anzieht, nämlich solche, denen die CDU zu weit nach links gerückt ist."

"Die Liberalen in Sachsen sind eher eine Partei, die man als eine Art Ableger der CDU begreifen muss."

... meint Antje Hermenau. Die Fraktionsvorsitzende und Spitzenwahlkämpferin der Grünen sitzt in ihrem Landtagsbüro am Elbufer, unweit der Semper-Oper. Sie spricht als Konkurrentin über die FDP.

"Und sie haben sich hier in Sachsen nicht als Hort der Liberalität entwickelt."

So gesehen holen sich die Freien Demokraten ihre Anhänger von der CDU zurück. Von sich selbst sagen sie, sie wollen die aufstrebende Generation der 40- bis 50-Jährigen ansprechen.

Und so plakatieren sie nicht nur Wahlslogans wie "Mittelstand fördern" oder "Steuern runter", sondern auch "Schulen sanieren" und "Kitas bauen".

"Wir sind als FDP mit unserem modernen, unverkrampften Familienbild viel näher an dem, was die Mehrheit in Sachsen lebt, als es zum Beispiel die CDU mit ihrem erzkonservativen Bild ist."

Wird also die Gesellschaft in Sachsen liberaler? Kündigt der Erfolg der FDP dort etwas Neues an?

Für eine Antwort nochmals zurück in das nahe Dresden, ins Landtagsgebäude.

"Ich finde, dass wir Sachsen zurzeit kein liberales Völkchen sind."

... bedauert die grüne Spitzenfrau Antje Hermenau.

"Wir könnten es sein. Das Potenzial ist da. Aber aus meiner weiblichen Perspektive muss ich sagen, dass die Toleranz gegenüber verschiedenen Lebensentwürfen von Frauen abgenommen hat. Es wird doch stärker jetzt das CDU-dominierte Familienbild gepredigt. Gegenüber Ausländern hat die Ängstlichkeit eher zu- als abgenommen. Deswegen gibt es noch ein relativ intolerantes Verhalten gegenüber Ausländern."

Von der anderen Seite der Dresdner Straße in Freital schaut Stanislaw Tillich, der CDU-Ministerpräsident, zu seinem möglichen Koalitionspartner herüber – natürlich von einem Plakat, überschrieben mit "Der Sachse". Darin könnte das Neue in der ostdeutschen Politik liegen.

"Wir gehen in Sachsen einen eigenen Weg. Wir haben den Liberalismus in Sächsische übersetzt. Weshalb ich denke, dass wir hier hervorragende Entwicklungsperspektiven haben."

Er mag mal "liberal", mal "sozial", mal "ganz anders" erscheinen, vor allem aber stellt sich dieser Politikstil als selbstbewusst vor, weit weg vom Image des "Jammer-Ossis".

Landtagswahlserie im DLF

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:33 Uhr