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Wo der Papst seine Doktorarbeit plante

In den 80er-Jahren suchte Jorge Mario Bergoglio in Frankfurt nach einem Dissertationsthema

Von Ludger Fittkau

Jorge Mario Bergoglio, der neue Papst, kam in den 80er-Jahren aus Argentinien für eine Weile nach Frankfurt am Main. (dpa / picture alliance)
Jorge Mario Bergoglio, der neue Papst, kam in den 80er-Jahren aus Argentinien für eine Weile nach Frankfurt am Main. (dpa / picture alliance)

Er hatte ein Sabbatjahr. Jorge Mario Bergoglio kam Mitte der 80er-Jahre aus Argentinien nach Frankfurt am Main. An der dortigen Jesuitenhochschule St. Georgen dachte er über ein Dissertationsthema nach. Letztendlich schrieb er seine Doktorarbeit aber doch woanders. Eine Spurensuche.

Hinter einem kunstvoll gestalteten, wohl aus dem 19. Jahrhundert stammenden, gusseisernen Tor am Südrand Frankfurts liegt ein weitläufiges, tief verschneites Parkgelände. Mittendrin: ein Priesterseminar, eine Bibliothek, eins supermodernes Universitätsgebäude: Die philosophisch-theologischen Hochschule St. Georgen, Träger ist der Jesuitenorden. Pater Heinrich Watzka ist der Rektor der Hochschule. Er erzählt: Mitte der 1980er-Jahre hatte der neue Papst in Argentinien ein Sabbatjahr, das ihn nach Deutschland führte:

"Und in diesem Zusammenhang hat er auch einige Monate in St. Georgen verbracht und sich, wie mir Pater Sievernich, Professor Emeritus, damals ein junger Professor heute Morgen sagte, sich über ein mögliches Dissertationsprojekt beriet."

Die Idee für die Doktorarbeit drehte sich um Romano Guardini, einen katholischen Theologen und Philosophen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Klar ist: Der neue Papst hat seine Dissertation letztendlich nicht in Frankfurt am Main geschrieben. Gelebt hat er damals im Klosterbereich auf dem Frankfurter Campus mit den mehr als 30 Jesuiten, die hier ständig wohnen. Heinrich Watzka:

"Wenn ein Jesuit zu uns kommt, sei es als Student, sei es als Dozent, dann hat er hier in der Jesuitenkommunität gelebt. Hier auf dem Gelände gibt es eine große Gemeinschaft. Und in der hat damals Pater Bergoglio, darf ich noch sagen, jetzt ist das nicht mehr so, Aufnahme gefunden."

Bücherstudium in einer holzvertäfelten Bibliothek


Studiert hat der neue Papst Mitte der 80er-Jahre in der damals brandneuen Bibliothek auf dem Campus. Ein lichtdurchfluteter Betonbau mit vielen hellen Holzvertäfelungen und freundlichen Rottönen an den Wänden. Mit Buchbeständen, die bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen, erzählt Marcus Stark, seit 2001 Direktor der Bibliothek von St Georgen. Wie der argentinische Papst vor einem Vierteljahrhundert kommen auch heute noch aus aller Welt Studierende, um hier zu forschen:

"Die Anzahl der postgraduierten Studierenden, die hier eine Promotion anfertigen, die ist recht hoch. Die kommen aus allen Teilen der Erde."

Doch die Bibliothek begeistert auch Aylen Basaran, muslimische Schülerin der Schillerschule in Frankfurt am Main. Sie kommt regelmäßig auf den Campus, um im Lesesaal der Bibliothek in aller Ruhe ihr Abitur vorzubereiten:

"Es ist ganz schön die Atmosphäre hier, man kommt her, um zu lernen, hat Spaß dran."

Lernen, wo der Papst einst saß


Dass der heutige Papst einmal an gleicher Stelle gesessen hat und in den Park von St. Georgen geschaut hat - dies ist für Aylen Basaran ein überwältigender Gedanke:

"Wenn man das das erste Mal hört, dann ist man natürlich schockiert. Das ist unglaublich, die Vorstellung, dass der Papst hier studiert hat, das ist noch faszinierender sogar."

Die junge Muslimin schätzt die offene Atmosphäre, die an der Jesuitenhochschule in Frankfurt am Main herrscht. Dass aber der neue Papst die Ideen des Jesuitenordens nun in seinem Regierungsstil in Rom besonders bevorzugen wird, dies glaubt der Frankfurter Hochschulrektor Pater Heinrich Watzka nicht:

"Nein. Pater Bergoglio, das fürchten einige meiner Ordensbrüder bereits, ist obwohl er Jesuit ist, ein großer Kritiker des Ordens. Weil der Orden ist natürlich wirklich sehr ambivalent. Vor allem Johannes Paul II. hatte ja große Schwierigkeiten zu verstehen und zu würdigen, was wir tun. Ich würde fast sagen, dass der Blick auf den Orden da relativ ähnlich ist."

Ein Jesuit, der seinen Orden kritisiert


Doch wie auch immer der neue Papst künftig zu seinem Orden steht: Die Jesuiten der Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main sehen das gelassen. Die 18 Professoren und 360 Studierenden genießen die guten Studienbedingungen – die stehen übrigens nicht nur Katholiken zur Verfügung, betont Rektor Heinrich Watzka:

"Ja, wir sind eine Hochschule in privater Trägerschaft, die vollkommen öffentlich ist. Also jeder kann hier, wenn er die Voraussetzungen erfüllt, studieren und Abschlüsse erwerben."

Nein, Theologie komme für sie dann doch nicht in Frage, sagt Aylen Basaran, die muslimische Schülerin, die so oft und gern hier lernt. Aber empfehlen kann sie St. Georgen als Lernort nur wärmstens – und nicht nur, weil hier auch schon der Papst über Dissertationsfragen brütete:

"Wenn man oben im ersten Stock lernt, dann kann man ja direkt aus dem Fenster gucken und sieht, auch wenn es schneit wieder mal. Das ist halt schön, man guckt raus, ist direkt motiviert, will lernen."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:08 Uhr

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