Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Zeiss Ost gegen Zeiss West

Der Optikkonzern Carl Zeiss in Jena und Oberkochen, Teil 3 der Serie "Mauer der Wirtschaft"

Von Blanka Weber

Blick auf das Zeiss-Werk und das umgebaute Verwaltungshochhaus von Carl Zeiss im Stammwerk in Oberkochen (picture alliance / dpa / Harry Melchert)
Blick auf das Zeiss-Werk und das umgebaute Verwaltungshochhaus von Carl Zeiss im Stammwerk in Oberkochen (picture alliance / dpa / Harry Melchert)

Mit der Teilung Deutschlands wurden aus dem weltberühmten Zeiss-Werk in Jena zwei Firmen dieses Namens, das Kombinat VEB Carl Zeiss Jena und Carl Zeiss West Germany in Oberkochen. Es folgten Konfrontation, Koexistenz und schließlich Wiedervereinigung der beiden ungleichen Unternehmen.

"1961 war ich gerade 11 Jahre alt und als Jugendlicher hab ich mitbekommen, dass die Eltern sehr hektisch diskutierten, es gab überall Gruppen, die zusammenstanden."

Jürgen Döhmel ist seit knapp 50 Jahren bei Zeiss in Jena beschäftigt. Einst hat er als Lehrling angefangen. Heute ist er Vorsitzender des Konzernbetriebsrates. Er lebt seit der Kindheit in Jena – im Gegensatz zu seinem Onkel, der in den 50er-Jahren die Saale-Stadt verließ und seitdem bei Zeiss in Oberkochen arbeitete. Der Kontakt blieb all' die Jahrzehnte bestehen:

"Im Grunde hat mein Onkel nie viel erzählt. Was ich mitbekommen habe, war, dass er, wenn er sich melden musste bei den Ämtern, ob er nicht Interesse habe zurückzukommen? Ich hab' irgendwann mitbekommen, dass er gezielt angeworben wurde, um hier wieder einzusteigen oder zurückzukommen in die DDR."

Rückblick: 1945 wurde Jena von amerikanischen Truppen besetzt. Das Zeiss-Werk war damals ein namhaftes Unternehmen für optische Geräte und Gläser. Die Amerikaner brachten im Sommer 1945 führende Zeiss-Mitarbeiter und Unterlagen in den Westen Deutschlands, zunächst nach Heidenheim.

Jena war mittlerweile von russischen Truppen besetzt. Auch sie hatten das Werk im Blick und montierten es kurzerhand ab, sagt Wolfgang Wimmer, der heute das Firmenarchiv betreut:

"Also 1946 war ja das Ganze Unternehmen zu 94 Prozent demontiert worden. Die Russen hatten wirklich alles mitgenommen, auch die Heizkörper. Und da war es sehr überraschend, wie schnell das Unternehmen auf die Beine gekommen ist."

In Oberkochen war das auch der Fall. Dort bauten die ehemaligen Jenaer Mitarbeiter ein neues Werk auf unter dem Namen: Opton. Zeissianer Ost- und West hatten sich anfangs sogar geholfen und tauschten Wissen aus, sagt Wolfgang Wimmer:

"Es war so die Tendenz, in Jena hat man die traditionellen Geräte entwickelt und hat die Zeichnungen in den Westen gegeben, dafür hat man im Westen die Zeichnungen der neueren Produkte bekommen, weil ja viele der Spitzenkräfte in den Westen gegangen waren."

Das Oberkochener Unternehmen Opton benannte sich 1951 in Carl Zeiss um und wurde immer erfolgreicher. Es war also nur noch eine Frage der Zeit, bis sich der politische Ton zwischen Ost und West verschärfen sollte. Im Osten bestimmten immer mehr Partei und Staat die Linie und vor allem den Außenhandel.

"Diese Exportentwicklungen unseres Werkes gefällt natürlich den ehemaligen Konzernherren des kapitalistischen Zeiss-Werkes nicht. Diese Herren befinden sich gegenwärtig in Westdeutschland seit 1945, und haben dort auch einen Pseudobetrieb gegründet."

Sagt Ernst Gallerach, ehemaliger Generaldirektor des Zeiss-Werkes in Jena. Der Streit zwischen beiden Unternehmen um das Markenzeichen war entbrannt.
"Es stand eben bei Marx nichts drin über die Bedeutung von Markenzeichen, sondern nur über Produktivkräfte und entsprechend hat man diese Bedeutung von solchen Rechten vollkommen unterschätzt."

1989 wurde in Frankreich der letzte Streit zwischen Zeiss Ost und Zeiss West beendet – ohne zu ahnen, dass es bereits zwei Jahre später eine gemeinsame Stiftung geben wird und den Neuanfang des Unternehmens unter einem Dach.

Serie "Die Mauer der Wirtschaft" in "Wirtschaft und Gesellschaft"



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Die Mauer der Wirtschaft

 

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.