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Ziegen und Kühe haben keine Ferien

Andrea Mavroidis' Reisetagebuch aus Griechenland

Thessalonikis Bürgermeister Giannis Boutaris, links, und sein Stellvertreter (Deutschlandradio - Andrea Mavroidis)
Thessalonikis Bürgermeister Giannis Boutaris, links, und sein Stellvertreter (Deutschlandradio - Andrea Mavroidis)

Wie ist es wohl in Zeiten der Krise, an einer griechischen Stadtratssitzung teilzunehmen? Einer gänzlich unorthodoxen noch dazu, während Ziegen und Kühe zum politischen Zankapfel werden? Andrea Mavroidis und ihre ganz persönlichen Eindrücke einer eindrucksvollen Politikveranstaltung.

In der großen lichten Bürger Halle von Thessaloniki verhandeln heute die Stadtverordneten über streunende Hunde, über einen Vorstadtwald und über die Idee des Bürgermeister, Straßen nach den einst hier lebenden türkischen Bewohner der Stadt zu benennen. Über letzteres bricht so gleich ein lautstarker Streit aus. Ich bin mitten drin und beobachte Giannis Boutaris, den schrulligen Bürgermeister von Thessaloniki.

Nehmen mir sitzt der Radiojournalist Sotiris Kyriakidis, den ich vor ein paar Stunden erst auf einer Pressekonferenz getroffen und kennengelernt habe. Mit Sotiris an meiner Seite verstehe ich überhaupt erst, was da verhandelt wird. Das liegt nicht an meinen mangelnden Sprachkenntnissen, ich bin ja nur eine halbe Griechin und werde zu mindest in Deutschland gerne gefragt: Und sie sind bestimmt mit einem Griechen verheiratet? - Bin ich aber nicht.

Aber ich würde auch nur Kauderwelsch verstehen, wenn ich in einer Ratssitzung einer deutschen Stadt sitzen würde. Hier gibt es ähnliches Antragskauderwelsch, das mit lautstarken Zwischenrufen von aufbrausend älteren Herren in den ersten Reihen kommentiert wird. Letztere müssen immer wieder von den beiden Ratsvorsitzenden ermahnt werden, sich doch wieder hinzusetzen. Während von hinten auch gerne mal ein paar Bürger ebenso lautstark protestieren, weil ihr Anliegen, zu weit nach hinten gerutscht ist auf der Tagesordnung.

Gott sei Dank kennt sich mein Kollege Sotiris Kyriakidis aus, den ich natürlich inzwischen duze. Sotiris arbeitet seit 18 Jahren beim größten Radiosender der Stadt. Und Sotiris kennt sie alle, die alten Politiker die Giannis Boutaris von heute auf morgen entthronisiert hat, und erklärt mir das Who is who der ehemaligen Stadtfürsten.

Aber was hat es sich auf sich mit den Ziegen und Kühen, die keine Ferien geschweige denn, einen Geburtstag haben?

Es ist eines der Themen, über die sich Giannis Boutaris heute Morgen schon auf einer Pressekonferenz lustig gemacht hat. Das griechische Landwirtschaftsministerium hat damit begonnen, Landflächen an neue junge Farmer, oder jene die glauben, es werden zu wollen, zu vergeben. Boutaris hält das alles für reine Wahlpropaganda, denn Anfang Mai soll voraussichtlich in Griechenland gewählt werden. Er weiß, wovon er spricht, schließlich ist dieser Mann Spross einer der größten Winzerfamilien des Landes. Man müsse etwas von der Bearbeitung der Erde verstehen, sonst solle man die Hände davon lassen. Und wenn dann noch Tiere ins Spiel kommen, die haben nämlich keine Ferien, um die muss man sich immer kümmern, raunzt Boutaris in die Ratsrunde und alle lachen.

Heute Morgen auf der Pressekonferenz habe ich direkt neben Boutaris gesessen und ihn hautnah miterlebt. Boutaris ist ein hagerer älterer Herr, an dem das Leben nicht spurlos vorübergegangen ist. Sein Markenzeichen, die hatte ich schon bei seinem Berlinbesuch entdeckt, sind die Hosenträger. Er trägt einen Ohrring und ist Kettenraucher; auch während der Ratssitzung verlässt er immer wieder den Saal, um ein paar Züge von seiner Zigarette zu nehmen. Und ich höre den ganzen Tag nur gute Worte, Kala logia, auf Griechisch, über diesen Politiker und das ist in Zeiten der Krise ein Novum. Denn Politiker sind zurzeit in Griechenland die meistgehassten Personen. Auch Sotiris meint, seine Arbeit als Journalist ist jetzt viel einfacher geworden, nichts passiert mehr hinter verschlossen Türen.

Boutaris steht für Transparenz, neue Ideen und er hat sich dafür jede Menge politisch unbelastetes junges Personal geholt. Davon konnte ich mich heute Morgen überzeugen. Da empfing mich seine Pressefrau, eine zierlich kleine Person, die ihm ganz dezent nicht von der Seite weich, auch während der Ratssitzung bleiben die beiden immer in Sichtkontakt. Sie ist vielleicht Ende 20 oder Anfang 30. Leider muss sie mir aber mitteilen, dass ein persönliches Interview mit Bürgermeister Boutaris erst Donnerstag möglich ist. Hm, raunze ich, aber ich will ja meinen Beitrag noch heute in den Sender schicken. Aber ich treffe an diesem Tag auf so viele Menschen, die mit Boutaris zusammenarbeiten und die ihn vielleicht besser kennen als er sich selbst. Auch durfte ich bei einem Bekannten schon Ausschnitte aus einem Dokumentarfilm über den Bürgermeister sehen. Und sein Stellvertreter Spiros Pengas offenbart mir. "Ich wollte nie Politiker in Griechenland werden, aber Boutaris hat mich davon überzeugt diesen Schritt zu tun." Pengas hat in München Politik studiert, ist aber eigentlich Teppichhändler im elterlichen Familienbetrieb. Pengas ist ein Politiker ohne Parteibuch, wie sein Chef übrigens auch, das wäre bis vor Kurzem undenkbar gewesen in einem Staat in dem nichts ohne Vitamen erreichen konnte.

Inzwischen ist es später Nachmittag ich bin vollgestopft mit jeder Menge Eindrücke und der Gewissheit, dass das Porträt des Bürgermeisters gelingen wird.


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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr