Zufluchtsort für minderjährige Flüchtlinge in Trier

Rheinland-Pfalz will bundesweit Rechtsschutz für jugendliche Asylsuchende verbessern

Von Ludger Fittkau

Afrikanische Flüchtlinge erreichen die Küste der italienischen Insel Lampedusa (AP)
Afrikanische Flüchtlinge erreichen die Küste der italienischen Insel Lampedusa (AP)

In Trier wurde eine neue Clearingstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eröffnet. Hier wird zunächst ihr Gesundheitszustand gecheckt und geklärt, ob sie keine Verwandten in Europa haben. Dann wird das Asylverfahren eröffnet. Bislang sind Flüchtlinge bereits ab 16 verfahrensmündig, doch das soll sich ändern.

"Mein Name ist Achmad, ich komme aus Somalia und bin 16 Jahre alt."

Achmad ist Ende 2011 von Libyen aus mit dem Boot nach Italien gekommen. 24 Stunden dauerte die Überfahrt gemeinsam mit 400 anderen afrikanischen Flüchtlingen. Dichtgedrängt, ohne etwas zu essen an Bord. Von Italien aus kam Achmad nach Trier. Seitdem lebt er hier in einem Heim des Salesianerordens mit anderen minderjährigen Flüchtlingen.

"Weil in Somalia Krieg ist. Ich bin aus Somalia geflüchtet 2011 und dann bin ich in Deutschland angekommen, weil Deutschland ist gut, hilft den Jungen, es ist Frieden, Peace, alles Okay."

Prima findet Achmad auch die Feier, an der er teilnimmt – in einer alten, aber frisch renovierten Arztvilla im Trierer Osten gibt es Saft und Schnittchen. Ab heute ist die Villa die sogenannte Clearingstelle für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge des Landes Rheinland-Pfalz. Träger ist der katholische Salesianerorden. Im neuen Haus wird Achmad nicht wohnen, hier sollen neu ankommende männliche Jugendliche nur ein paar Wochen bleiben. Solange, bis ihr Gesundheitszustand gecheckt ist. Und solange, bis geklärt ist, ob sie wirklich keine Verwandten in Europa haben. Dann wird das Asylverfahren eröffnet und die Jugendlichen werden auf Kinderheime in verschiedenen rheinland-pfälzischen Kommunen aufgeteilt. Sieglinde Schmitz leitet die Einrichtung sowie ein weiteres Jugendheim der Salesianer im Raum Trier:

"Unser Schwerpunkt zurzeit ist Afghanistan, jetzt kommen verstärkt Syrer hinzu, wir haben aber auch immer wieder die schwarzafrikanischen Länder, Ghana, Sudan, also eine ganz bunte Mischung."

Dass 90 Prozent der alleinreisenden minderjährigen Flüchtlinge männlich sind, hängt oft mit den patriarchalen Familienstrukturen in den Herkunftsländern zusammen, sagt Sieglinde Schmitz. Die Familien erwarten von den männlichen Jugendlichen, in Europa Geld zu verdienen und es in ihre Heimatorte zu schicken. Sie seien deshalb oft sehr lernbegierig und bringen nach einigen Monaten der Eingewöhnung und des Deutschlernens in der Schule manchmal erstaunlich gute Leistungen, beobachtet Sieglinde Schmitz.

Dass eine Frau hier das sagen hat – daran müssen sich die Flüchtlingsjungs aber oft erst einmal gewöhnen:

"So ist es ganz wichtig, dass sie auch Frauen kennenlernen, die ihnen was zu sagen haben, die oft nicht mit dem Rollenbild ihrer Herkunftsländer übereinstimmen, aber mit unserer bundesdeutschen Realität übereinstimmen, und diese beiden Aspekte sind schon sehr wichtig."

Anschauungsunterricht in Sachen modernes Rollenbild bekamen die jungen Flüchtlinge dann gleich heute Morgen bei der Eröffnung der neunen Anlaufstelle, die ein erster Zufluchtsort für zehn Jugendliche sein wird.

Sieglinde Schmitz sorgte lautstark für Ruhe – anschließend trat die rheinland-pfälzische Integrationsministerin Irene Alt ans Mikro:

"Meine sehr geehrten Damen und Herren, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten.
(Pfiff auf zwei Fingern) Also in Vertretung von Ministerin Alt habe ich gepfiffen.

Für mich ist das heute ein ganz besonderer Tag. Denn gerade die Betreuung von Kindern und Flüchtlingen, die ohne Eltern nach Deutschland kommen, liegt mir besonders am Herzen. Nur wenige von uns können sich vorstellen, was in jungen Menschen vorgeht, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, die wochenlang ohne ihre Eltern und Vertrauten unterwegs sind und schließlich kommen sie in ein Land, das ihnen nicht vertraut ist."

Ahmad, der 16-jährige Flüchtling aus der somalischen Hauptstadt Mogadishu hat sich inzwischen schon ein wenig an Deutschland gewöhnt. Dass es jetzt kalt wird, nervt ihn zwar ein wenig. Doch im Berufsvorbereitungsjahr lernt er fleißig deutsch, damit er irgendwann seinen Hauptschulabschluss machen und einen Beruf erlernen kann:

"Ich mache dieses Berufsvorbereitungsjahr und dann möchte ich eine Ausbildung machen. Das ist besser für mich. Ich möchte machen Elektrik."

Gleichzeitig muss er selbst sein Asylverfahren weiter betreiben – denn nach dem bisher geltenden deutschem Recht haben Jugendliche ab 16 Jahren keinen Anspruch mehr auf Rechtsbeistand. Eine Regelung, die der grünen rheinland-pfälzischen Integrationsministerin Irene Alt nicht passt, sagte sie heute Morgen:

"Das Asylverfahrensgesetz wollen wir dahingehend ändern, das alle minderjährigen Flüchtlinge in allen Fragen erst mit 18 Jahren verfahrensmündig sind. Derzeit macht das Asylverfahrensgesetz hier noch eine unrühmliche Ausnahme und erklärt Jugendliche schon mit 16 Jahren für verfahrensmündig. Es darf aber nicht sein, dass auch nur eine unbegleitete Jugendliche und ein unbegleiteter Jugendlicher sein Verfahren selbst betreiben muss, das möchte ich verhindern und dafür setzte ich mich ein."

Ahmad aus Mogadishu wird davon wohl nicht mehr profitieren – aber vielleicht viele andere Jugendliche, die in den nächsten Jahren nach ihrer Flucht in der alten Trierer Villa unterkommen.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:00 Uhr