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Zurück in die 1970er- und 1960er-Jahre

Tagebuchnotizen aus Griechenland

Von Andrea Mavroidis

Zentrum für Obdachlose in Athen (Andrea Mavroidis)
Zentrum für Obdachlose in Athen (Andrea Mavroidis)

Die Krise Griechenlands ist vor allem eine Krise der kleinen Leute. Suppenküchen und Obdachlosenasyle können sich des Andrangs kaum erwehren. Unsere Reporterin Andrea Mavroidis fühlt sich an die ärmlichen Verhältnisse in der Vergangenheit des Landes erinnert.

Zur Reportagereihe Nahaufnahmen aus Griechenland

Über Thessaloniki konnte ich noch schreiben, nur wenig von dem, was wir zuweilen in deutschen Zeitungen lesen, entspricht so ganz der Wahrheit. Ich habe viele Jahre in Athen gelebt und habe die Euphorie vor und während der Olympischen Spiele hautnah miterlebt. Jeder hatte damals das Gefühl in der Stadt geht es voran, sie wird lebenswerter und menschlicher. Aber diese Zeit gehört hier endgültig der Vergangenheit an.

Ich sehe eine Stadt, die zurückversetzt worden ist in die 1970er-Jahre, wenn nicht in die 1960er-Jahre. In den Straßen im Zentrum der Stadt herrscht wirklich Trostlosigkeit. In den Mülltonen vor einem der großen Supermärkte sehe ich Menschen, die nach Essbaren suchen. Diese Szene trägt sich so vor fast jedem Supermarkt so zu. Zuweilen bekomme ich den Eindruck, ich befinde mich in einem Entwicklungsland. Migranten, die auf den Straßen mit Einkaufswagen entweder altes Metall oder Berge von Altpapier transportieren und zu den Annahmestellen bringen. Die Migranten sind schon lange sich selbst überlassen und stehen ohne jede Hilfe da. Mir begegnen Menschen, die betteln oder etwas verkaufen wollen, damit sie sich etwas zu Essen kaufen können. Eine Innenstadt, die beginnt zu verwahrlosen. Auf der Stadiou, einer der Haupteinkaufsstraßen, ist nahezu jedes zweite Geschäft geschlossen. Viele abgebrannte Gebäude - darunter ein Traditionskino, das bei den letzten großen Ausschreitungen angezündet wurde.

Die Neue Armut

Der Besuch einer der vielen Suppenküchen zeigt mir, dass sich hier, ich möchte sagen, die brutale Seite des gesellschaftlichen Umbruchs Griechenlands zeigt. Es ist kurz vor zwölf Uhr mittags, wie jeden Tag bereiten die Frauen und Männer des städtischen Obdachlosenzentrums das Mittagessen für über 600 Leute vor. Ich stehe mit ihnen in der Küche und sie schütten mir ihr Herz aus. "Das ist eine Tragödie, die sich seit Monaten hier täglich abspielt. Wir helfen so weit es uns möglich ist". Heute stehen Spaghetti mit Tomatensoße auf dem Speiseplan - und weil die Soße nicht ganz reicht, wird noch ein wenig Wasser zugegeben.

Draußen haben sich inzwischen über 600 Leute eingefunden, in der Mehrzahl alte Menschen, überwiegend aber alte Männer, aber auch ein paar junge Leute sind darunter. Manchen sieht man ihre desolate Situation schon äußerlich an. Aber es gibt auch die, die immer noch gut gekleidet sind und von denen man nicht erwarten würde, dass sie hier anstehen müssen. Interviews sind hier nicht erwünscht. Nur eine Frau offenbart sich, ich nenne sie einfach Kyria Eleni. Kyria Elenis helle geschmackvolle Kleidung und ihr sehr gepflegtes Äußeres, lassen ahnen, dass sie einst einen Lebensstandard hatte, den sie sich jetzt offensichtlich nicht mehr leisten kann. Ich erfahre, sie lebt seit einem Jahr im städtischen Obdachlosenheim. Mit einer Rente von 400 Euro, nach all den Kürzungen, kann sie sich keine Wohnung mehr leisten und auch nicht immer etwas Anständiges zu essen. Eine Geschichte von Zigtausenden in Athen der Hauptsstadt Griechenlands und mitten in Europa.

Die Institution Familie ist in Gefahr

Auch in der Nacht hat die Stadt ihren Glanz verloren, immer weniger Menschen gehen abends noch aus, vielleicht noch am Freitag oder Samstag. Die Taxen stehen inzwischen in langen Schlangen und warten auf Kundschaft, bis vor Kurzem wäre das noch undenkbar gewesen, da stritt man sich schon gerne mal um eine Taxe. Der gesamte Verkehr ist in der Innenstadt merklich zurückgegangen, über 100.000 Autos wurden allein zu Beginn des Jahres wegen der Krise, zu hohen Spritpreisen und Steuern abgemeldet. "Die fetten Jahre sind vorbei", das höre ich von vielen Freunden. "Wir sind bereit, den Gürtel enger zu schnallen, aber die da oben", gemeint sind die ungeliebten Politiker, "können uns doch nicht einfach zu Tode sparen." Freunde erzählen mir von Bekannten, die alles verloren haben, ihren Job und bald auch ihre Würde.

In der griechischen Gesellschaft spielt die Familie eine sehr wichtige Rolle, wenn nicht auf den Staat, so konnte man sich bislang immer auf seine Familie verlassen. Noch ist die Institution Familie die Stütze der griechischen Gesellschaft, doch wie lange noch, kann sie die aufkommende "humanitäre Krise" in den Städten aufhalten? Denn in immer mehr Familien sind gleich mehrere Mitglieder arbeitslos oder bekommen seit Monaten ihre Löhne nicht mehr ausgezahlt.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr