Zwischen großen Chancen und der Angst vor einem Black Out

Wie der Staat versucht die Energiewende zu lenken

Von Melanie Grundei

Ohne neue Ökostromkapazitäten kann die Energiewende nicht gelingen.  (AP)
Ohne neue Ökostromkapazitäten kann die Energiewende nicht gelingen. (AP)

Soll die Energiewende hin zur erneuerbaren Energie vollzogen werden, müssen einerseits die Energieversorger neue Energietechniken entwickeln. Auf der anderen Seite muss die Politik dafür die richtigen Rahmenbedingungen schaffen - und das nicht nur mit Fördergeldern.

Der Abschied von der Kernkraft ist endgültig besiegelt. Damit hat die Regierung nicht nur die Atommeiler aus dem Energiemix verbannt – sie hat auch den Energiemarkt grundlegend verändert. Es entsteht mehr Wettbewerb. Denn bisher waren es die vier großen Energiekonzerne, die den Ton angaben.

Holger Krawinkel, Energieexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband:

"Deren politischer und ökonomischer Einfluss schwindet natürlich jetzt sehr stark. Jetzt werden die Kommunen wichtiger, die Stadtwerke, es werden die Bürger wichtiger, die Bürgerwindparks zum Beispiel aufbauen wollen. Es werden aber auch Regionen wichtiger, die Flächen für Windparks, für Stromleitungen und so weiter zur Verfügung stellen müssen."

Auf der einen Seite steht jetzt die Energiewirtschaft. Sie muss neue Kraftwerke bauen, Netze installieren, Energiespeicher entwickeln und Geschäftsmodelle finden, um die gigantischen Investitionen zurückzuverdienen. Auf der anderen Seite steht die Politik. Sie muss die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, damit der Markt funktioniert, sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin beim DIW.

Zunächst steht der Ausbau der erneuerbaren Energien auf dem Programm.
Ohne neue Ökostromkapazitäten kann die Energiewende nicht gelingen. Der Anteil des Ökostroms soll daher bis 2020 auf 35 Prozent verdoppelt werden. Vor allem Windparks auf hoher See werden stärker gefördert. Fünf Milliarden Euro an KfW-Krediten verspricht die Regierung für den Bau der ersten zehn. Dagegen werden die Fördersätze für Windparks an Land und die Solarenergie gekürzt.

Das allein reiche nicht aus, findet Energieexpertin Claudia Kemfert:

"Das Zweite ist, dass man das ergänzt durch den Ausbau der Netze. Denn die sind elementar - ohne die Stromnetze wird man es kaum schaffen, den Windstrom vom Norden in den Süden zu bringen, wo die großen Kraftwerke vom Netz gehen. Und das Dritte ist der Ausbau der Stromspeicherung und da haben wir den höchsten Nachholbedarf, denn gerade wenn der Wind nicht weht, die Sonne nicht scheint, braucht man entsprechend die Form, das auch zu speichern, damit nicht zu viel Reserve immer bereitgestellt werden muss, denn das ist richtig teuer, die Speicherung wäre sehr viel wichtiger."

Diese Probleme hat auch die Politik erkannt. Die Bundesministerien für Umwelt, Wirtschaft und Bildung wollen gemeinsam 200 Millionen Euro Fördergeld in die Speicherforschung stecken.

Um den Strom besser im Land verteilen zu können, soll der Ausbau der Netze beschleunigt werden. Wesentliche Neuerung wird ein nationaler Netzausbauplan sein, den die Bundesnetzagentur bis zum Oktober 2012 dem Bund vorlegen will.

Die Regierung will außerdem die Kompetenzen zwischen Bund und Ländern neu ordnen. Ziel ist es, die Planungszeiträume von acht auf vier Jahre zu halbieren.

Weil die Deutschen ihren Energiebedarf allein mit Strom aus Wind, Wasser und Sonne noch lange nicht decken können, treibt die Regierung den Bau neuer Kraftwerke voran. Mit einem Beschleunigungsprogramm sollen Kapazitäten von bis zu zehn Gigawatt, etwa zehn große Kraftwerke – entstehen.

Die Bundesregierung will daher hocheffiziente Kraftwerke mit einem 15-prozentigen Investitionskostenzuschuss fördern.

Doch es zeichnet sich ab, dass zu wenige Gaskraftwerke errichtet werden. Sie sind vorübergehend noch unverzichtbar, um die Schwankungen der erneuerbaren Stromproduktion auszugleichen – ohne die Klimabilanz zu verhageln. Strom aus Gaskraftwerken kostet nach Betreiberangaben 70 bis 80 Euro die Megawattstunde, an der Strombörse kostet er hingegen weniger als 60 Euro. Der Markt allein wird das nicht regeln, der Staat müsse hier die richtigen Rahmenbedingungen schaffen, so Claudia Kemfert. Bei der Förderung der Gaskraftwerke sei es notwendig, "dass man die Bedingungen so schafft, dass auch die relativ teuren Gaskraftwerke, die sich erst lohnen, wenn man sie in Spitzenzeiten einsetzt, auch für die gesamte Einsatzzeit attraktiv macht. Das heißt, ein Gaskraftwerk sollte damit auch genau wie ein Kohlekraftwerk dauerhaft laufen, damit sich das rechnet, braucht man neue Ausgestaltungen am Markt, sogenannte Kapazitätsmärkte."

Die Idee der Kapazitätsmärkte ist einfach. Die Betreiber werden nicht allein dafür bezahlt, dass sie eine bestimmte Energiemenge liefern, sondern auch dafür, dass sie Produktionskapazitäten bereitstellen. Die Politik scheint verstanden zu haben. Der Staat ist bei der Energiewende gefragt, denn nur wenn die Politik den Markt nicht sich selbst überlässt, kann der Atomausstieg gelingen.

Mehr zur Serie:

Serie Wende wohin? - Die Zukunft des deutschen Energiemarktes

Zu hören wochentäglich vom 15. bis 24. August 2011 im Deutschlandfunk in der Sendung "Wirtschaft und Gesellschaft" ab 17:05 Uhr



Mehr bei deutschlandradio.de

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:44 Uhr