Interview mit Stephan DetjenVom Funkturm zum Eiffelturm

Stephan Detjen war viele Jahre Leiter des Hauptstadtstudios in Berlin. Zu Beginn des Jahres wechselte er als Korrespondent nach Paris. Wir sprachen mit ihm über seinen Wechsel, den Alltag in Paris und die neuen Herausforderungen.

Ein Mann mit kurzen grauen Haaren und Brille lächelt in die Kamera, im Hintergrund erkennt man den Pariser Eiffelturm
Stephan Detjen (privat)
Stephan Detjen war rechtspolitischer Korrespondent in Karlsruhe. Von 2008 bis 2012 Chefredakteur des Deutschlandfunks in Köln und leitete im Anschluss als Chefkorrespondent das Hauptstadtstudio und sowie Brüsseler Deutschlandradio-Studio. Seit 2026 ist er als Deutschlandfunk-Korrespondent in Paris. Er war u.a. Mitglied im Vorstand der Bundespressekonferenz und im Stiftungsrat für den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Berlin war jahrelang Ihr journalistischer Heimathafen – jetzt Paris. Gibt es etwas, das Sie an Berlin besonders vermissen?
Meine Frau, die erst im Sommer nach Paris kommen kann.
Was hat Sie in den ersten Wochen als Paris-Korrespondent am meisten überrascht?
Wie schnell viele Themen, Diskussionen und Personen, die mir in Berlin groß und wichtig erschienen, aus der Distanz unbedeutend und klein erscheinen.
Wie sieht ein „typischer“ Korrespondententag in Paris aus – und was ist daran ganz anders als im Hauptstadtstudio?
Jeder Tag ist anders. Mal in Paris, mal unterwegs im Land. Ich folge nicht mehr dem kurzatmigen Takt der Berliner Politik- und Medienwelt, sondern suche mir selbst die spannenden Themen, entdecke Neues und Unbekanntes, spreche mit „wirklichen” Menschen auf Märkten, in Cafés und auf den Straßen.
Frankreich ringt seit Längerem mit politischer Polarisierung und einem zersplitterten Parlament, was Reformen und Haushaltsentscheidungen erschwert. Wie erleben Sie das Klima innerhalb der französischen Gesellschaft?
Frankreich ist ganz anders mit der Welt verbunden als Deutschland: Das Land war schon immer ein Einwanderungsland, mehr als 2 Millionen Französinnen und Franzosen leben in den Überseedepartements im Indischen Ozean, in Südamerika und der Karibik. Menschen aus den früheren Kolonien prägen Stadtbilder, Medien und Politik. Viele Debatten über die Identität des Landes sind sehr polarisiert. Aber sie sind vielfältiger, weil diejenigen, die in Deutschland noch bestenfalls als Minderheiten wahrgenommen werden, sichtbarer und hörbarer sind.
2026/27 stehen in Frankreich wichtige Wahlentscheidungen und Vorwahlen/Debatten an, begleitet von spürbarer gesellschaftlicher Spannung. Welche Themen, welche Regionen, welche Signale könnten die nächsten Monate prägen?
Die Präsidentschaftswahl im Frühsommer nächsten Jahres wird für ganz Europa entscheidend. Die stärksten politischen Kräfte sind in Frankreich zur Zeit der extrem rechte Rassemblement National und die ganz linke La France Insoumise. Die Frage wird in den nächsten Monaten sein, ob die politische Mitte am Ende des Macronismus zersplittert oder sich eine Person findet, die am Ende im zweiten Wahlgang Konservative, Sozialisten, Kommunisten und Grüne hinter sich versammelt.
Wenn Sie gerade nicht „on air“ sind: Wo verbringen Sie Ihre Zeit am liebsten – und was tun Sie dann, ganz ohne Mikrofon?
Die vielen schönen und spannenden Gegenden Frankreichs erkunden, die ich noch nicht kenne.
Was ist die beste kleine Entdeckung, die Sie in Paris bisher gemacht haben – eine Sache, die man nicht im Reiseführer findet?
Der antiquarische Büchermarkt am Wochenende im Parc Georges Brassens im wenig bekannten, aber schönen 15. Arrondissement. Am Nachmittag scheint die Sonne lange auf die Tische und Stühle vor dem Café gegenüber.