
Frau Schwarzbach, Sie haben in Leipzig Journalistik und Politikwissenschaft studiert und beim WDR volontiert. Erinnern Sie sich noch an eines der ersten Beitragsthemen aus Ihren journalistischen Anfängen?
Es sind vor allem zwei Stationen, an die ich mich gut erinnere. Einmal an die Zeit bei Radio „mephisto 97.6“ in Leipzig. Ein großartiger Sender, bei dem ich meine Liebe zum Radio entdeckt habe und vieles ausprobieren durfte. Hier habe ich unter anderem über den Kampf der Einwohner des Leipziger Vorortes Engelsdorf gegen ihre Eingemeindung berichtet.
Die zweite Station war während meines Volontariates in der Nachrichtenredaktion des WDR. In dieser Zeit gab es die furchtbaren Terroranschläge auf U-Bahnen und einen Bus in London. Für mich als Volontärin eine Bewährungsprobe: Unter großem Zeitdruck habe ich Meldungen geschrieben und immer wieder aktualisiert. Dieses schnelle, präzise Arbeiten hat mich begeistert und war der Auslöser, dass ich viele Jahre leidenschaftlich gern in der Nachrichtenredaktion gearbeitet habe.
In den letzten Jahren haben Sie in verschiedenen Leitungspositionen beim WDR – zuletzt als stellvertretende Chefredakteurin des crossmedialen Newsrooms – die Hörfunk-Nachrichtenangebote weiterentwickelt, darunter den tagesschau-Podcast „15 Minuten“. Was macht für Sie persönlich ein gutes Nachrichten- oder Informationsformat aus?
Ein gutes Informationsformat stellt die Nutzer:innen in den Mittelpunkt und hat eine Verbindung mit ihnen. Es kennt die Bedürfnisse seines Publikums und wird ihnen gerecht. Das bedeutet nicht, ihm nach dem Mund zu reden. Dahinter steht meine Überzeugung, dass Journalismus den Menschen dient und nicht entrückt sein darf. Die Angebote, die wir machen, müssen bei den Menschen ankommen und von ihnen gemocht werden. Dafür müssen sie etwas leisten: Sie müssen auch schwierige Themen so erzählen, dass man sie gut verstehen kann, unterschiedliche Perspektiven aufzeigen und dadurch Raum für Identifikation bieten. Und sie müssen immer wieder den Mut haben, sich zu verändern, wenn Bedürfnisse sich ändern.
Durch die rasante Verbreitung künstlicher Intelligenz kommt ein weiterer Punkt hinzu: Es wird in Zukunft noch wichtiger werden, journalistische Persönlichkeiten zu stärken, um im besten Sinne echt zu sein und eine Verbindung aufzubauen. Dass wir als Deutschlandfunk Angebote spürbar von Menschen für Menschen machen – diese Verbundenheit wird den Unterschied bedeuten.
Am 1. April haben Sie die Chefredaktion des Deutschlandfunks übernommen und folgen damit auf Birgit Wentzien. Wie würden Sie die Aufgaben einer guten Chefredakteurin beschreiben – und welche Perspektiven bringen Sie für diese Rolle mit?
Der Deutschlandfunk steht in meiner Wahrnehmung an vielen Stellen für einen exzellenten Journalismus und eine hohe Glaubwürdigkeit. Die Aufgabe wird sein, diese Qualität nicht nur zu bewahren, sondern auch in Zukunft als unverwechselbar erlebbar zu machen. Weil wir etwas Einzigartiges bieten und die Menschen in ihrem Alltag erreichen. Dazu möchte ich als Chefredakteurin einen Beitrag leisten.
Ich setze auf die Kraft des Dialogs, nach außen wie nach innen. Im Austausch mit unserem Publikum liegt eine große Chance: Wenn wir verstehen, was Menschen bewegt, was sie erwarten und wo sie uns herausfordern, können wir unsere Angebote noch relevanter und zugänglicher machen. Gleichzeitig sind unsere Redaktionen das Fundament unseres Erfolgs. Ihre Talente, Erfahrungen und Perspektiven sind unsere größte Stärke. Meine Aufgabe sehe ich darin, diese Stärken zu bündeln, ein WIR zu leben und einen guten Rahmen zu schaffen – auch mit Blick auf die Fähigkeit zum Umgang mit künstlicher Intelligenz.
Ein respektvolles Miteinander, die Offenheit für unterschiedliche Sichtweisen und ihre bewusste Abbildung sind für mich dabei zentral. Gerade die Perspektiven, die uns nicht nah oder angenehm sind, die aber die Breite der Gesellschaft ausmachen. Was ich für die Rolle mitbringe, ist eine klare und motivierende Kommunikation: Mir ist wichtig, Entscheidungen nachvollziehbar zu machen und Orientierung zu geben, gerade in Zeiten des permanenten Wandels. So entsteht Vertrauen und so können wir Veränderungen gemeinsam gestalten.
Sie beginnen Ihre Aufgabe wenige Monate nach Inkrafttreten des Reformstaatsvertrags, der alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten vor Veränderungen stellt. Er rückt unter anderem den Dialog mit dem Publikum stärker in den Mittelpunkt – ein Thema, das Ihnen auch in früheren Funktionen wichtig war. Wie kann der Deutschlandfunk seine Dialogangebote mit Hörerinnen und Nutzerinnen künftig weiter ausbauen?
Dialog ist für den Deutschlandfunk nicht erst seit gestern ein großes Thema. Wir haben hier herausragende Angebote wie die Denkfabrik, die es so nicht woanders gibt und die ich beeindruckend finde. Gerade wenn wir abseits großer Städte ins Gespräch kommen. So, wie im vergangenen Jahr mit der Sommertour u.a. in Weißenfels oder Kerzenheim, dem Politikpodcast in Meinersen oder Zur Diskussion in Hoyerswerda.
Wichtig ist aus meiner Sicht, dass wir Dialog umfassend betrachten. Dazu gehört vor allem der persönliche Austausch, die Begegnung vor Ort. Dazu gehört aber auch, dass wir unser Publikum an ganz verschiedenen Stellen einbinden: Wenn wir Neues entwickeln, sollten potenzielle Nutzer:innen beteiligt sein. Wenn wir Angebote weiterentwickeln, sollte unser Publikum diesen Prozess begleiten. Und immer wieder: Türen auf, raus gehen! Zeigen, wie wir arbeiten, Transparenz schaffen als Gegenpol zu undurchsichtigen Algorithmen. Im wörtlichen Sinne erlebbar sein. Wir sind damit viel mehr als „nur“ Radio. Ein kleines Beispiel sind offene Redaktionskonferenzen, mit Publikum. Meine Erfahrung ist, dass das Verbundenheit stärkt und uns erfolgreicher macht.
Zentral ist darüber hinaus die Frage, wie wir Dialog – also gute Diskussionen, guten Streit – auch im digitalen Raum sichern können. Menschen ziehen sich zurück, weil ihnen die Atmosphäre dort missfällt oder sie Debatten als zu stark polarisiert wahrnehmen. Den Gedanken, dass wir als öffentlich-rechtlicher Rundfunk eine gemeinwohlorientierte, offene Alternative zu den Plattformgiganten aufbauen, sehe ich als wichtigen Beitrag für ein gutes Miteinander.
Wenn Sie einmal nicht beruflich Radio oder Podcasts hören: Welches Audio-Format ist Ihnen zuletzt besonders in Erinnerung geblieben?
Ein Podcast des MDR aus dem letzten Herbst „DNA des Ostens“. Darin stellt Anna Thalbach 35 Jahre nach der Wiedervereinigung Fragen, die aus meiner Sicht auch für dieses Jahr 2026 hoch aktuell und relevant sind. Unter anderem geht es um das Wahlverhalten der Menschen in Ostdeutschland, es geht um Klischees in der Berichterstattung, um Karrierewege und die Frage, ob es eigentlich so etwas wie eine ostdeutsche Identität gibt.
Zum Schluss ein paar kurze Entweder-Oder-Fragen:
- Früh- oder Spätschicht? Ganz klar Frühschicht. Die habe ich schon in den Nachrichten immer viel lieber gemacht.
- Küchenradio oder App/Stream? Beim Frühstück mit meinen Söhnen das Küchenradio, danach beim Bahn- oder Radfahren die App.
- Rheinufer oder Leipziger Seen? Da möchte ich mich gar nicht entscheiden müssen. Das Rheinufer ist für mich ein Ort, an dem ich beim Laufen komplett abschalten kann. Und die Leipziger Seen, speziell der Markkleeberger See, das ist Heimat für mich.
- Chat oder E-Mail? Chat. Ich kommuniziere vor allem über Teams.
- Newsroom oder Straßenumfrage? Straßenumfrage. Weil sie uns viel näher an die Menschen bringt.
- Analoges Notizbuch oder digitale To-Do-Liste? Weitgehend digital – aber ein analoges Notizbuch für lose Gedanken muss sein. Aus denen kann viel entstehen.
Das Gespräch führte Maike Wiechert.